Laudatio des Vorjahrespreisträgers Dieter Lenz zum Brandenburgischen Literaturpreis 2011
gehalten bei der Verleihung am Samstag, 08. Oktober 2011 in Potsdam
Die erste Zeile der Erzählung mit dem Titel „Bruno“ lautet:
„Das war’s. Meinen 54. Geburtstag werde ich nicht mehr erleben.“
Aha, denke ich, ein Krimi. Oder eine Abenteuergeschichte mit mysteriösem Hintergrund. Oder der Bericht eines unheilbar Kranken? Auch das habe ich schon oft gelesen. Weil der Text aber ausgezeichnet wurde, wird er gute Unterhaltung sein.
In Erwartung eines Lesegenusses lehne ich mich zurück und werde unmerklich in eine Geschichte gezogen, die weit über Unterhaltung hinausgeht, sie geht unter die Haut.
In der Mitte muss ich aufhören zu lesen, hefte den Blick auf die Wand gegenüber, sammel mich. Ist ja nur eine Geschichte. Was da geschrieben steht, das kann mir nicht passieren.
Wirklich?
Banal fängt es an, alltagsmäßig. Von heut auf morgen wird einem Bilanzbuchhalter gekündigt, und das, nachdem er für die Firma und seinem Chef 32 Jahre lang nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Persönlichkeit hingegeben hat.
Über 50, da findet man kaum einen neuen Arbeitsplatz, da wird man rasch zum Hartz IV-Empfänger. Aber so schlimm ist das nicht, denken wir. Man bekommt ja genug Geld zum Leben.
Mit diesem Denken macht die Erzählung Schluss.
Hanna Haupt zeigt uns nicht die äußere Not des Hartz-IV-Empfängers, sie zeigt uns seine innere, und sie ist grausam, grausamer als die äußere, denn sie verengt sein Leben, bis es erstickt. So werden wir beim Lesen zu Zeugen eines Verbrechens, das keinen Namen hat, das in keinem Gesetzbuch verzeichnet ist und das darum kein Staatsanwalt verfolgt. Zwar liegt seit Jahren etwas Beunruhigendes in der Luft, wir ahnen, irgendetwas Ungutes tut sich um uns herum. Doch wir lassen es dabei. Es geht ja alles nach Recht und Ordnung.
Und so, genau so, schon halb am Boden liegend, gestützt nur noch von der Wand im Rücken, meint es auch der arbeitslose Buchhalter. Alles, was ihm passiert, entspricht bloß den Spielregeln der Gesellschaft.
Sogar der Mord an ihm. Zwei Männer stellen in sein Zimmer ein Gerät, das die Luft absaugt. Wortlos kommen sie, wortlos gehen sie. Auftrag erfüllt. Ihm geht langsam die Luft aus.
In diesem Moment wird ihm bewusst, dass ihn keiner sieht. Bruno fällt ihm ein. Bruno ist der Vormieter seiner winzigen Wohnung, mit ihm hat er sich angefreundet, und Bruno ist Schauspieler. Ja Bruno wird ihn retten. Und wie? Ganz einfach, denkt der Buchhalter, Bruno wird ich sein, er wird mich auf die Bühne bringen und mein Leben spielen. Himmel ja, so wird es sein. So werde ich wieder für die Menschen sichtbar und sie können mich retten.
An diesem Punkt der Erzählung stockt einem der Atem. Man stelle sich vor: Ein Schauspieler muss einen realen, verzweifelten Menschen spielen, damit dieser gesehen wird. Anders gesagt: Ein Mensch am Abgrund wird erst gesehen, wenn er geschauspielert wird.
Ein Theaterstück als letzte Rettung für ein Menschenleben.
Das kann sich doch nur ein Verrückter ausdenken.
Nein, nicht der um sein Leben ringende Buchhalter ist verrückt. Wir im Theater, im Kino, vorm Fernseher sind die Verrückten.
Aber Bruno kommt nicht. Und das Ende ist da. Und der Sterbende macht sich den Vorwurf, nicht selbst gehandelt zu haben, vor langer Zeit, als er dazu noch imstande war.
Die Geschichte ist ein Monolog. Erzählt mit schlichten Worten, ohne Schnörkel, sie kommen aus dem Munde eines, der weiß, dass er stirbt. Er stirbt nicht körperlich, er stirbt seelisch.
Die Geschichte endet mit einem leisen, fast schüchternen Satz, den wir als einen Appell begreifen sollten: „Es wäre aber wunderschön, wenn jemand, irgendjemand etwas sagen würde.“
Hanna Haupt hat es getan.
Dafür ist ihr zu danken und wie sie es gesagt hat, dafür ist ihr Hochachtung zu zollen.
Ich wünsche, dass ihre Erzählung eine weite Verbreitung findet.