

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 20.01.2012
Der schwere Schatten Vergangenheit
von Dirk Becker
Das Schweigen über ein unfassbares Verbrechen – Reglindis Rauca liest aus ihrem
Debütroman
Foto: Andreas Klaer
Ihre Kollegen hatten großen Spaß gehabt, als sie den eigenen Namen bei Google eingaben und die unterschiedlichen Treffer auswerteten. Wenige Tage danach saß Reglindis Rauca abends daheim vor ihrem Computer. Alle Arbeiten waren getan, sie suchte ein wenig Entspannung. Also gab sie ihren Nachnamen in die Suchmaschine ein. Dass sie als zweiten Treffer den Name ihres Großvaters lesen konnte, irritierte Reglindis Rauca schon. Und dann ausgerechnet auf einer englischsprachigen Website. Gleichzeitig war da aber auch das Gefühl, endlich mehr über diesen Mann zu erfahren, um den in ihrer Familie ein solches Geheimnis gemacht wurde.
Sie las den Namen Helmut Albert Rauca, auch den Ortsnamen Kaunas, der in ihrer Kindheit gelegentlich am elterlichen Küchentisch gefallen war, ohne dass ihr jemanden sagen wollte, was denn der Großvater mit diesem Ort in Litauen zu tun gehabt hatte. Und dann las Reglindis Rauca diese Zahl und verstand nicht. Sie las diese Zahl immer wieder, zählte immer wieder die vier Nullen, konnte diese Zahl aber nicht mit den Worten davor in Verbindung bringen. Auch nicht mit ihrem Großvater. Doch Fakten in ihrer kühlen Präsenz sind gnadenlos und als sie endlich in Reglindis Raucas Bewusstsein gedrungen waren, brach sie zusammen. Ihr Großvater Helmut Albert Rauca, geboren am 3. November 1908 im sächsischen Vogtlandkreis, war als SS-Hauptscharführer des Einsatzkommandos 3 im Jahr 1941 an der Ermordung von über 10 000 litauischen Juden beteiligt.
Knapp neun Jahre liegt dieser Abend am heimischen Computer nun schon zurück, doch wenn Reglindis Rauca heute darüber spricht, wühlt sie dieses Erlebnis noch immer auf. Und es gibt Momente, da glaubt man, dass sie wieder mit den Tränen kämpfen muss.
„Vuchelbeerbaamland“ heißt der Debütroman von Reglindis Rauca. „Vuchelbeerbaamland“, liest man nur diesen Titel, könnte man glauben, hier wird Märchenhaftes erzählt. Doch dieses Buch hat nichts Romantisch-Träumerisches. In diesem Roman hat Reglindis Rauca, die seit September in Potsdam lebt, die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend im sächsischen Plauen, das Geheimnis ihres Großvaters und das Schweigen in ihrer Familie verarbeitet. Am heutigen Freitag stellt Reglindis Rauca „Vuchelbeerbaamland“ in der Reihe „Dichterlese“ im Café „11-Line“ vor.
Aus einem alten, sorbischen Volkslied stammt dieses „Vuchelbeerbaamland“. Vogelbeerbaumland, so die Übersetzung der Mundart. Sorbisch, das ist der Dialekt, den die Mutter in diesem Roman spricht. Ein Symbol für eine provinzielle Heimat, sagt Reglindis Rauca. Nicht örtlich, sondern geistig. Und dann ist da Maria, das Mädchen, Reglindis Raucas Alter Ego, mit so roten Haaren wie die Früchte an dem Vogelbeerbaum.
Reglindis Rauca ist in Plauen, der größten Stadt im Vogtland aufgewachsen. Ein zartes, ein sensibles Kind mit roten Haaren. Sie hat in der Schule viel Spott ertragen müssen. Wegen ihrer Haarfarbe, ihrer Zurückhaltung, ihrer musischen Interessen. Zuhause erlebte sie eine abgeschottete, für die damaligen DDR-Verhältnisse so untypische Welt. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Alleinverdiener, der Glaube spielte eine große Rolle. Und dann war da noch der Großvater, der im fernen Kanada lebte. Ein Mann, den Reglindis Rauca nie gesehen hatte, von dem gelegentlich Briefe und Dias von seinen Reisen durch die ganze Welt das stille Plauen erreichten. Ein Mann, den sich das Mädchen Reglindis in ihrer Fantasie zu etwas Übergroßen, Märchenhaften gemacht hatte, der, so war es ihr als Kind erzählt worden, nach Kanada gegangen war, weil es dort viel größere Tannen gab.
Als Reglindis Rauca 15 Jahre alt war, im Jahr 1982, rief der Vater die Familie an den großen Küchentisch und sagte „Kinder, es ist etwas mit Großvater passiert“. Reglindis Rauca dachte an Tod, dass der Großvater gestorben sei. Doch der Vater erzählte nur, dass der Großvater von Kanada in die Bundesrepublik ausgeliefert werden soll, weil da eine Anklage gegen ihn vorliege, irgendwas, das mit dem Krieg zu tun habe. Nachfragen duldete der Vater nicht. Er sagte nur: „Es wird nicht mehr darüber geredet!“
Es wurde auch nicht darüber geredet, als der Großvater im Jahr darauf in die BRD ausgeliefert und ins Gefängnis gesteckt wurde. Auch nicht, als er im Oktober 1983, kurz vor Prozessbeginn starb. Offizielle Todesursache: Krebs. Im Grunde wird in ihrer Familie bis heute nicht darüber geredet, liegt die Vergangenheit von Helmut Albert Rauca wie ein dunkler, schwerer Schatten auf allem. Ein Schatten, der alle zum Schweigen verdammt. Nur nicht Reglindis Rauca.
An Neujahr 2002, ein Jahr, bevor sie die ganze Wahrheit über ihren Großvater erfuhr, beschloss Reglindis Rauca, dass sie wieder schreiben will. Als Kind hatte sie das schon getan, kleine Gedichte und Geschichten. Doch dann das Abitur, später das Schauspielstudium in Berlin und die Arbeiten an verschiedenen Theaterhäusern hatten sie zu sehr in Anspruch genommen. Doch jetzt setzte sie sich an den Schreibtisch und schrieb. Reglindis Rauca schrieb, weil sie schreiben musste. All das, was sie in der Kindheit erlebt hatte, die Hänseleien in der Schule, das Schweigen in der Familie, hatte viel tiefere Spuren in ihr hinterlassen, als ihr bis dahin bewusst gewesen war. Sie schrieb und je mehr sie schrieb, umso stärker kamen die Erinnerungen zurück, auch die an den Großvater. Doch die Familie schwieg weiterhin. Auch nachdem Reglindis Rauca im Internet die Geschichte ihres Großvaters gelesen hatte, der in Kaunas die Juden auswählte, die als „überflüssig“ galten und erschossen wurden. Darunter auch über 4000 Kinder.
Reglindis Rauca hat diese Geschichte in „Vuchelbeerbaamland“ aufgenommen. Im Jahr 2008 erschien dieser Roman, im gleichen Jahr wurde ihr dafür der Literaturförderpreis der Stadt Düsseldorf verliehen. Im gleichen Jahr erhielt sie einen Brief von ihrem Vater, mit Schreibmaschine geschrieben, nur vier Zeilen lang, darin der Satz: „Solange Du noch stolz auf dieses Buch bist, brauchst Du Dich bei uns nicht mehr blicken zu lassen.“
Seit diesen Zeilen hat Reglindis Rauca ihre Eltern nicht mehr gesehen. Mittlerweile gibt es einen sporadischen Briefkontakt, Weihnachten hat sie mit ihrer Mutter telefoniert. Reglindis Rauca, die als freie Autorin tätig ist und auch Seminare für kreatives Schreiben für Schulklassen zu diesem Thema anbietet, hat ein Tabu gebrochen. Sie wollte nicht schweigen. „Ich habe keine Schuld an den Verbrechen meines Großvaters. Aber ich habe eine Verpflichtung“, sagt sie. Ob ihre Offenheit in ihrer Familie doch noch etwas bewirkt, da ist sie eher zurückhaltend. Zwar gibt es wieder den zaghaften Kontakt zu ihren Eltern. Bei ihrem Telefonat während der Weihnachtstage sagte ihre Mutter, dass, was die Vergangenheit des Großvaters betrifft, jeder wohl anders damit umgehe.
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Erschienen in den Potsdamer Neuesten Nachrichten am 19.12.2011 (Seite 24) :
Ein Csardas ohne Geige - Milenko Goranvic las im Café 11-Line
von Andrea Schneider
Der ungarische Csardas ist impulsiv und verwirrend, dramatisch und fordernd. Er springt seinem Spieler förmlich von den Saiten und fordert der Geige ein großes Durchhaltevermögen ab. Was aber geschieht mit einem Csardasspieler, wenn er sein Instrument verliert? Dann kann es passieren, dass er anfängt zu erzählen. Wie so ein Erzähltheater aussieht, ließ am Freitag der Träger des Brandenburgischen Literaturpreises, Milenko Goranvic, hören. Er ließ im Café 11-Line die Geschichte einer Liebe wieder aufleben, die im Mai 1993 als Foto um die Welt ging.
Das Foto hatte ein Kriegskorrespondent der amerikanischen „Time“ gemacht, der mit ansah, wie zwei junge Menschen dem Krieg trotzten und dabei ums Leben kamen. Beinahe vier Jahre war Sarajevo während des Bosnienkrieges belagert. Vier Jahre, in denen fast 10 000 Menschen aller Ethnien getötet und 50 000 schwer verletzt wurden. Vier Jahre, in denen Nachbarn gegen Nachbarn kämpften.
Aufgeregt, schnell und immer wieder die Richtung wechselnd spricht Milenko Goranvic von diesen Tagen, von zwei Menschen, die sich lieben und die bis zum 19. Mai 1993 in der Stadt verharren – „wie kindisch“. Neun Jahre zuvor, gerade 16-jährig, hatten sich die beiden ineinander verliebt – sie Muslima, er Serbe und Christ. Was viele Jahre kein Problem war, sollte 1992 plötzlich Romeo und Julia aus ihnen machen. Ihre Liebe wurde zu etwas Verbotenem, Gefährlichem, das Schicksal zog sein Band um sie.
Doch nicht zu schnell, erst eine andere Geschichte! Milenko Goranvic entwickelt die Figur des Alten, der dem Erzähltheater den Titel gibt: „Csardas für den Alten“. Der Alte, als junger Mann aus dem Krieg desertiert, ist der Vater des Mädchens, Admira ihr Name. Er läuft und läuft, fällt schließlich, erwacht und findet sich in einem Zigeunerlager wieder, umgeben von den Klängen des Csardas. Die Musik wird sein Leben begleiten. Später wird er immer wieder ins Nationaltheater Sarajevos gehen und dem Csardasspieler lauschen, von dem er noch nicht weiß, dass dieser einmal seine Geschichte erzählen wird.
Seine Geschichte und die von Admira und Bosko, die sich lieben und die die Stadt Sarajevo schließlich doch verlassen wollen. Die einem Menschen vertrauen, der, glaubt man dem Erzähler, von Grund auf böse scheint, der aber Boskos Mutter das Leben rettet, weil sie, die ehemalige Lehrerin, immer an ihn geglaubt hat.
Milenko Goranvic hält inne. Es ist soweit. 19. Mai, 1993, 17 Uhr, der Himmel strahlend blau, eine Brücke in Sarajewo. Gerade noch hatte es schweren Beschuss gegeben, doch jetzt ist es still. Ein Zeichen und die beiden jungen Menschen laufen Hand in Hand über die Brücke, die sie in die Freiheit führen soll, lächeln – „wie kindisch“. Dann fallen Schüsse. Bosko ist sofort tot, Admira schwer verletzt. Sie könnte noch fliehen! Doch dann fällt sie, kriecht zu ihrem Freund, bedeckt, umschlingt ihn mit ihrem Körper und bleibt so liegen, bis auch sie verblutet. Acht Tage werden die beiden Liebenden so liegen. Das Bild, für die Zuhörenden auf eine Leinwand projiziert, brennt sich ein. Der Erzähler schweigt. Er hat seine Aufgabe erfüllt, hat einen Csardas ohne Geige gespielt. Andrea Schneider
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Märkische Allgemeine vom 19.12.2011 / Lokalausgabe Ostprignitz / Ruppin
LESUNG: Kurzweil mit Lyrik und Prosa - Literatur-Kollegium stellt sich vor
RHEINSBERG - „Vielleicht liegt es am nasskalten Wetter – oder an der Zeit.“ Ulrike Liedtke stand vor einem Rätsel. Die Chefin der Bundes- und Landesmusikakademie hatte drei Tage lang mit neun Mitgliedern des Brandenburgischen Literatur-Kollegiums alte Bekannte in ihrem Haus. Bei einer Lesung im Foyer des Schlosstheaters stellten die Autoren gestern das Ergebnis ihrer Arbeitsphase in Rheinsberg vor. Doch leider waren nur wenige Zuhörer gekommen.
Dennoch war es ein amüsanter Vormittag, denn die vorgetragenen Texte erzählten aus dem Leben oder regten in gereimter Form zum Nachdenken an. „Lyrik kommt von Lyra, einem Instrument, das wir bereits von den alten Griechen kennen“, sagte Günther Hornberger, ein Berliner Liedermacher, der die Werkstatt geleitet hatte. Er gab mit seinem Gesang zur Gitarre eine Hörprobe seines Könnens. Besonders das Lied „Sag Hallo zum Büro“, in dem er beschreibt, wie es wohl in einigen Tippstuben zugeht, traf den Nerv der Zuhörer.
Eröffnet worden war die Lesung von Rolf Böhme, einem pensionierten Sportwissenschaftler. Der 83-Jährige führte mit dem Gedicht „Dresden“ in das berühmte Grüne Gewölbe, die Schatzkammer Augusts des Starken. Manfred Richter erzählte, wie er mit einem Freund und zwei jungen Frauen auf dem Potsdamer Ruinenberg nackt in einem Wasserspeicherbecken badete, aus dem die vier fast nicht mehr herausgekommen wären.
Iris Zimpel wurde als begabte Lyrikern vorgestellt. Mit ihrem Gedicht „Wintermorgen“ wurden die Zuhörer schnell an die Gegenwart erinnert. Aber auch die in Rheinsberg entstandenen Verse unter dem Titel „Mensch ärgere dich nicht“ belohnte das Publikum mit Beifall. Gabriele Thiere hat sich ebenfalls der Lyrik verschrieben. Ihre Gedichte „Zeitsparkonto“, „Narren auf dem Holzweg“ und „Wellenbrecher“ zeugten von einem breiten Spektrum und einem gekonnten Spiel mit Worten. Elke Hübner-Lipkau fotografiert, modelliert mit Keramik und ist auch eine Meisterin der Wortspiele, wie sie in ihrem Gedicht „Schlagworte“ bewies.
Eine echte Schmonzette präsentiert Ute Apitz zum Abschluss des kurzweiligen Vormittagsprogramms. Sich selbst auf der Gitarre begleitend, singt die Autorin von einer Begegnung mit zwei fremden Männern in einer Kneipe. Es wird nett geplaudert, geraucht, getrunken und getanzt. Erst am frühen Morgen endet die Nacht – zu Hause, wo ihr Mann im Ehebett liegt und selig schläft. Die Überraschung folgt am Morgen danach beim Blick in die Zeitung: Dort sieht sie ein Bild von ihren beiden nächtlichen Begleitern. Sie haben gerade geheiratet. (Von Jürgen Rammelt)
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Märkische Allgemeine vom Montag, 05.12.2011
LITERATUR: Eine Katze, die die Wahrheit riecht
Buchvorstellung mit Christa Kozik
POTSDAM / INNENSTADT - Es ist ein Paradoxon der Geschichte, dass Christa Kozik für ihr Kinderbuch „Kicki und der König“ nicht die DDR-Zensur, sondern die Wende dazwischen kam. Im August 1989, erzählt die Schriftstellerin, habe sie die Druckgenehmigung erhalten. Mehr als 20 000 Bücher wurden noch gedruckt. Doch am Ende landete die gesamte Auflage auf einem Recyclinghof in Leipzig. Die Autorin nennt es die „Zensur der neuen Herrlichkeit“.

Nach der Wiedervereinigung hatten ostdeutsche Verlage fast ihr gesamtes Sortiment auf den Müll gekippt, aus Angst vor Absatzproblemen. Der Eulenspiegel-Verlag hat das Buch jetzt erneut mit 8000 Exemplaren verlegt. Am Freitag las die Babelsbergerin vor mehr als 20 Zuhörern im „Internationalen Buch“ aus ihrem einst vergessenen Werk vor. „Ich habe dieses Buch vor vielen Jahren geschrieben, in einem Land, das es heute nicht mehr gibt“, beginnt die 70-Jährige die Lesung. In „Kicki und der König“ geht es Kozik um die Suche nach der Wahrheit: | |  |
| | Das Regieren von Maien-Land macht König Karl nicht gerade glücklich, und auch sein Volk ist unzufrieden. Wie gut, dass er sich im dunklen Kino fast auf die Katze Kicki setzt, die ihn mit ihrer Wundergabe, die Wahrheit riechen zu können, beim Regieren unterstützt. Als erstes empfiehlt sie ihm, aus dem Palast auszuziehen und auf seine teure Dienerschaft zu verzichten. Mit Argwohn betrachtet man am Hof den Neuzugang im königlichen Rat. |
Doch Kicki überzeugt die Minister schnell von ihrem Können: Unbemerkt schleicht sie sich auf Märkte, Bahnhöfe oder in Gefängnisse und berichtet dem König, was das Volk denkt. Und zum Schluss stellt die sprechende und biertrinkende Katze sogar die Evolutionstheorie völlig auf den Kopf. Nur Männer, davon ist sie überzeugt, stammen von den Affen ab. Frauen hingegen, man ahnt es schon, waren ursprünglich alle mal Katzen. Um das dem König zu beweisen, geht Kicki auf’s Ganze.
Mit „Kicki und der König“ schreibt Christa Kozik die Geschichte von „Moritz in der Litfaßsäule“ fort. Denn schon in dieser Geschichte kam die sprechende Katze der Hauptfigur zur Hilfe. Für sie ist der Katzenroman auch ein Aufklärungsbuch: „Ich habe mir schon im Studium angewöhnt, die Dinge auf eine märchenhafte Weise zu erzählen. Mit Heiterkeit wirkt die Kritik am Staat weit stärker als jede ernste Aussage“, sagt sie. Für das Buch habe sie jahrelang „Katzologie“ studiert. Dabei hatte die Schriftstellerin die beste Inspiration schon zu Hause in der Wohnung sitzen: Kinder hatten sie vor Jahren gebeten, eine Straßenkatze aufzunehmen. „Aber Kicki“ soll sie heißen, forderten die Kinder. Christa Kozik erfüllte ihnen den Wunsch. Die zahme Katze wurde stolze 15 Jahre alt. (Von Christina Bauermeister)
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Märkische Oderzeitung vom 22.10.2011
Heiter-bissige Gedankenspiele
Eindrucksvolle Lesung Potsdamer Autoren in Angermünde
Angermünde (kpt) Literatur unter der Leselampe" heißt eine Reihe, die die Uckermärkische Literaturgesellschaft in Kooperation mit dem Ehm Welk-und Heimatmuseum veranstaltet. Am Donnerstagabend beleuchtete die Leselampe „ganz besondere Texte von besonderen Menschen bei besonderer Musik", wie Museumsleiterin Julia Wallestin es ausdrückte, denn die Lesung von den Gästen aus Potsdam wurde musikalisch umrahmt vorn Jazzpianisten Sebastian Kommerell.
Die Vorsitzende der Uckermärkischen Literaturgesellschaft, Marlies Markgraf-Beise, und Gastgeberin Julia Wallentin waren über die geringe Zuschauerresonanz traurig. Doch die Traurigkeit wandelte sich im Laufe des Abends schnell in Bedauern für diejenigen, die diese Fülle an literarischer Vielfalt und Ausdrucksweise verpasst hatten.
Den Auftakt des Potsdamer Quartetts bildete Elke HübenerLipkau. Die studierte Soziologin lebt mit Begeisterung auf dem Lande, was sich auch in ihren lyrischen Beschreibungen des Herbstes ausdrückt. Ihr folgte Michael Andreas Peters. Der erst seit kurzem mit dem Literaturkolleg verbundene Bergbautechnologe und Musikwissenschaftler schreibt, „seit er einen Stift halten kann" und hatte sein Programm für diesen Abend kurzfristig umgestellt. Unmittelbar von einer Reise an die Ostsee zurückgekehrt, flossen in die vorgetragenen Stenogramme die maritimen Eindrücke, verknüpft mit poetischen Betrachtungen über das Leben und die Liebe. Auch aus seiner Arbeit mit psychisch gestörten Kindern reflektiert er Erfahrungen, die sich in seinen Figuren behutsam widerspiegeln.
Heiterkeit verbreitete der vormalige Vorsitzende des Brandenburger Literaturkolleg, Peter beim Graben. Der promovierte Physiker und Neurowissenschaftler verlegt Gesellschaftskritik und Schwächen der Spezies Mensch gern in das Reich der Tierfabeln. Zusätzlich gab er, entsprechend seiner akademischen Herkunft, eine „wissenschaftliche Geschichte" zum Besten, in der er den Kampf des Mathematikers Möbius mit einem Potsdamer Stadtplan auf dem Weg zum Topographenkongress köstlich amüsant beschrieb.
Somit hatte Renate Smolenka ein wenig Bedenken, seine Nachfolge im Vorleserreigen anzutreten. Doch damit stapelte die Philosophin tief, denn auch ihre bissigen Seitenhiebe auf Politiker oder die scharfsinnige Beobachtung von Parallelwelten lieferten den gelungenen Einstieg in sich anschließende Diskussionen und Gespräche mit dem Publikum.

Musiker Sebastian Kommerell, Elke Hübener-Lipkau, Peter beim Graben, Michael Andreas Peters, Renate Smolenka (v. 1.). Foto: Katrin Putzbach-Timm
Anmerkung: Bei der im Artikel und bei der Bildunterschrift fälschlich "Renate Smolenka" genannten Autorin handelt es sich natürlich um Renate Smolarek.
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Märkische Allgemeine, unter der Rubrik "Namen & Nachrichten" am Montag, 10. Oktober 2011 zur Verleihung des Brandenburgischen Literaturpreises am 08.10.2011:
Für ihre Erzählung „Bruno" über einen Buchhalter, der in die Arbeits- und Bedeutungslosigkeit abrutscht, hat die Berliner Autorin Hanna Haupt den diesjährigen Brandenburgischen Literaturpreis gewonnen.

Vorjahressieger Dieter Lenz hob die „gesellschaftliche und politische Relevanz" der „schnörkellosen" Geschichte hervor. Seit 2006 vergibt das Literatur-Kollegium Brandenburg e.V. den mit 500 Eure dotierten Preis, In diesem Jahr hatten sich 85 Autoren mit dem vorgegebenen Thema „Es gibt kein fremdes Leid" auseinander gesetzt.
Hanna Haupt erzählt vom Leben eines Hartz-IV-Betroffenen, der sich vom Schauspieler Bruno Hilfe erhofft: Denn Bruno soll das Schicksal des Ex-Buchhalters auf die Bühne bringen und für die Öffentlichkeit sichtbar machen. „Mich hat die Realität inspiriert", sagte Hanna Haupt am Sonnabend im Domizil des Literatur-Kollegiums in der Charlottenstraße 31.
(Foto: Nowak)

Einen Anerkennungspreis erhielt der Dramatiker und Schauspieler Milenko Goranovic (Foto: Promo)
für seine im Ex-Jugoslawien der 1990er Jahre angesiedelte Romeo-und-Julia-Geschichte.
In 23 Szenen umreißt der gebürtige Bosnier, der bei der Preisverleihung nicht anwesend war, die unmögliche Liebe zwischen einer Mullima und einem Christen, die letztlich in die Vernichtung führt. RN
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Potsdamer Neueste Nachrichten vom 18.07.2011
Absurdes mit Akribie
von Daniel Flügel
Lesung mit Limericks und Fabeln im „11-Line“
„Limericks versuchen mit viel Ironie / Kurioses und Absurdes mit Akribie / in Reime zu bringen / was vor allen Dingen / der Pointe gereicht zur Perfidie.“ Ein schöner Kunstgriff, mit dem hier der Potsdamer Autor Manfred Friedrich Kolb einen Limerick bastelt, der sich exemplarisch selbst beschreibt und auf dem Handzettel wie eine Überschrift steht. Doch nicht nur Freunde dieser alten, nach der gleichnamigen irischen Stadt benannten Reimform kamen am Freitagabend im Café „11-Line“ reichlich auf ihre Kosten. Große Gegenliebe fanden auch die vielen witzig lakonischen Fabeln, verfasst und mit vergnügten Blicken vorgetragen von Peter beim Graben, dem Vorsitzenden des Literaturkollegiums Brandenburg.
Wenngleich diese beiden sich formal ergänzenden und in ihrer klugen humorigen Kurzweil vereinenden Textgattungen die Lesung bestimmen, ist der Abend doch ebenso sehr auch dem Gedenken des vor gut einem Monat verstorbenen Schriftstellers und Vereinsmitgliedes Walter Flegel gewidmet. Kolb ist es, der eingangs einige unveröffentlichte Gedichte Flegels aus dessen Nachlass zusammen mit seinen eigenen vorträgt und sich noch öfter an seinen Freund erinnert, an die gemeinsamen Projekte, die er auch nicht aus den Augen verlieren will. Eine gefasste Besinnlichkeit, die der Veranstaltung aber keinesfalls schadet, was schon die Stimmung der Gäste zeigt, als diese bald von Füchsen, Löwen und Eseln, von klassischen Fabeltieren also hören, aber auch von Bären, die den Bienen den Honig klauen und statt „blühender Landschaften“ große Haufen hinterlassen.
Ungewöhnlich und besonders reizvoll sind auch beim Grabens „Hundefabeln“, die der zuvor lange in Potsdam und derzeit in Berlin lebende Physiker und Linguistikforscher bereits 2006 veröffentlicht hat. Stehen hier auch oft etwas plakativ allein die Kampfhunde in Opposition zu den vielen anderen „guten“ Hunderassen, so zeichnen sich diese modernen Fabeln doch allesamt durch ihre enorm knappen Formulierungen aus, mit der treffsicher die typischen Schwächen der heutigen politisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit widergespiegelt werden.
Nicht schlechter versteht es Manfred Friedrich Kolb mit seinen Limericks das Publikum zu unterhalten. Es klingt leichter als es ist, diese fünfzeiligen Verse innerhalb eines festgelegten Reimschemas so stimmig zu konstruieren, dass sich die meist scherzhafte überraschende Pointe erst in der letzten Zeile entlädt. Genau das aber beherrscht der Potsdamer Sprachkünstler und hat dann auch durchweg alle Lacher auf seiner Seite. Und es ist vor allem die lockere und zunehmend betonungssichere Vortragsweise, die Kolb als einen Routinier dieses Gedichts auszeichnet. Doch auch die gelegentlichen inhaltlichen Wechsel und Variationen ins nachdenklich Ernsthafte oder Zeitgenössische so wie manche Abweichungen, die bis hin zu mehrstrophigen Limericks reichen, zeigen seine Meisterschaft und machen das Zuhören zur großen Freude. Nicht zuletzt auch dank seines regelmäßig aufleuchtenden Selbstspotts: „Ein Dichter las einmal am Stück / nur Limerick für Limerick / Das Zuhörproblem / löste man bequem / Mit einem Strick um sein Genick“. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis endlich auch ein Band mit seinen Limericks erscheine, sagt Kolb, der bisher hauptsächlich Lyrik veröffentlicht hat. Allein die Auswahl falle ihm ungemein schwer, was angesichts von inzwischen bald 9000 geschriebenen Limericks verständlich wird.
Erst als etwas plötzlich, nach gut einer Stunde die erste gemeinsame Lesung von Peter beim Graben und Manfred Friedrich Kolb ihr Ende findet, ohne dass inmitten dieses munteren Schlagabtausches von Fabeln und Limericks auch einmal Atem geholt werden konnte, wird der vielleicht einzige Schwachpunkt einer ansonsten sehr gelungenen Veranstaltung offenbar. Daniel Flügel
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Märkische Allgemeine, Dienstag, 12.Juli 2011
GEDENKEN: Freund und Mentor verloren
Literatur-Kollegium ehrt Autor Walter Flegel im Filmmuseum
POTSDAM / INNENSTADT - Bis auf den letzten Platz war der Kinosaal des Filmmuseums gefüllt, in dem am Sonntagvormittag Freunde, Bekannte, Weggefährten des kürzlich mit 76 Jahren verstorbenen Schriftstellers Walter Flegel gedachten. Auf die Leinwand überlebensgroß projiziert war Flegels Konterfei, unter dem Doris Bernewitz, Gabriela Thiere und Natalia Gorbatyuk aus seinen Werken „Ansichten aus Rügen“ und „Mein Orplid“ lasen. Christa Kozik dagegen hatte sich für „kritische Gedichte“ aus den 1980er Jahren entschieden. Trotz der deutlichen Spitzen sei diese Lyrik damals veröffentlicht worden, betonte die Babelsberger Autorin.
So setzte sich der einstige Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee, der beileibe nicht als Gegner der DDR galt, in dem „Sassnitz“ betitelten Gedicht mit dem ehedem chronischen Zustand der Innenstädte im Osten auseinander: ihrem traurigen Verfall. „Hafen“ wiederum zeugte von des linientreuen Genossen Fernweh, von der Sehnsucht, das „Land von Zeit zu Zeit zu verlassen“. Seine Prosa-Themen fand Flegel häufig beim Militär: „Wenn die Haubitzen schießen“ (1960) oder „Der Regimentskommandeur“ (1971) künden von seinen Erfahrungen als Berufsoffizier.
Erst nach dem Ende der DDR lernte Peter beim Graben, Vorsitzender des Literatur-Kollegiums Brandenburg, Flegel kennen. Vor eineinhalb Jahrzehnten kam beim Graben aus Hamburg, um in Potsdam seine Doktorarbeit zu schreiben und fand zur offenen Schreibwerkstatt „Litmatsch“ des Literatur-Kollegiums. Flegel habe ihn mit seiner vorurteilslosen Art, seinem „humoristischen Humanismus“ beeindruckt, sagte beim Graben im Filmmuseum. „Ich habe einen Freund, Vertrauten und Mentor verloren.“
Ein „hilfreicher Freund der jungen Literaturszene“ Brandenburgs sei Flegel immer gewesen, sagte Marlies Markgraf-Beise von der Uckermärkischen Literaturgesellschaft. Der mehrfach preisgekrönte Schriftsteller war nach der Wende sowohl im Verband Deutscher Schriftsteller als auch im Literatur-Kollegium aktiv und engagierte sich für den literarischen Nachwuchs. „Sein Tod hat mich zutiefst erschüttert“, sagte Marlies Markgraf-Beise. Doch so traurig sollte die Gedenkveranstaltung nicht enden. Zu ihrem Abschluss wurde Bodo Fürneisens Armee-Satire „Zum Teufel mit Harbolla“ (1988/89) gezeigt, bei der Flegel Teil des Szenaristen-Trios war. (Von Ricarda Nowak)
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Potsdamer Neueste Nachrichten, 23.05.2011
Ein stiller Held
Stephan Tanneberger las im Caffé 11-line
Die Geschichte ist schnell erzählt. Zwei Ärzte lernen sich auf dem Flug von Bologna nach Dehli kennen, als das Flugzeug plötzlich den Kurs ändert und per Borddurchsage eine Notlandung angekündigt wird. Unter den Passagieren verbreiten sich rasch Angst und Unsicherheit, schon hat man die Bilder vom 11.September 2001 vor Augen. Am Ende aber wird alles gut, das Flugzeug landet sicher, Erleichterung allenthalben, das Leben geht weiter. Für die beiden Ärzte ist das Erlebnis nun der Ausgangspunkt für einen lang ausgreifenden, gedankenreichen und buchstäblich weltverbesserischen Dialog. Da ist also ein Rahmen, doch nicht viel Handlung in „Notlandung“, dem aktuellen, im Scheunen-Verlag erschienenen Buch von Stephan Tanneberger. Die Unterhaltung stehe auch nicht so im Vordergrund, er wolle mehr eine Botschaft vermitteln, sagt der Mediziner und Wissenschaftler zu den knapp 20 Gästen, die sich am Freitagabend im Caffé 11-line zu seiner Lesung eingefunden haben.
Es ist erstaunlich, dass dieser Mann überhaupt noch die Zeit findet, Bücher zu schreiben. Professor Doktor Stephan Tanneberger ist einer der führenden Onkologen in Europa. Nachdem er bis 1990 Oberarzt und Direktor des Zentralinstituts für Krebsforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR gewesen war, widmet er sich seither in vielen Ländern der Dritten Welt aktiv der Krebsbekämpfung. Zudem ist er wissenschaftlicher Direktor des italienischen Instituts Associazione Nazionale Tumori (ANT) und Professor für Onkologie an der Universität in Bologna, wo er auch seit langem mit seiner Familie lebt. Doch spricht der mittlerweile 76-Jährige an diesem Abend nicht viel von seinen Posten und ehrbaren Aktivitäten, sondern von seinen Sorgen um die Menschheit, die weiterhin ihren privaten Glücksansprüchen nachjagt, während in vielen Teilen der Welt Not und blankes Elend herrschen. Es würden noch immer Millionenprofite für die Rüstung eingefahren, neue Feindbilder erfunden und Ängste geschürt, und sei es nur vor dem Wirtschaftswachstum Chinas, der Run auf die letzten Ressourcen sei gnadenlos und werde ohne jedwede Verantwortung fortgeführt, vom Klimawandel würde stets nur berichtet wie von der Fußball-WM, und während hier über zu dicke Kinder geklagt wird, verhungerten sie dort täglich.
Die bekannten und unbequemen Wahrheiten also, der Stoff, aus dem die Dialoge der beiden Ärzte in „Notlandung“ überreichlich schöpfen. Tanneberger, im eleganten Anzug, liest mehrere davon vor, hebt bisweilen den Finger und schaut doch gütig in die Runde. Das Flugzeug erklärt er zur Metapher für die Welt, darin die Passagiere nebst Besatzung ein gut funktionierendes Miteinander benötigen, um nicht schlimmstenfalls gemeinsam abzustürzen. Als es notlanden soll und alle bangen, herrscht Eintracht und hinterher Harmonie. Deshalb sieht Tanneberger auch die „Angst als Rezept gegen unsere Ich-Welt“. Die Notlandung dient als Symbol, damit durch sie die Menschheit endlich zur Besinnung kommt.
Bei den Gästen rennt er mit seinen Gedanken offene Türen ein. Mehrmals wird sein Buch gelobt, werden seine Ansichten bestätigt. Die Lesung ist längst in eine Gesprächsrunde übergegangen. Nicht überraschend. Man ist sich einig, dass Ignoranz und Verdrängung die Welt nicht gesunden lässt, dass es kein fremdes Leid gibt und man im Interesse zukünftiger Generationen jetzt und gemeinsam handeln müsse. „Die Menschen, also wir, sind schlecht, aber vielleicht nicht so schlecht, dass wir den Untergang verdient hätten, und vielleicht nicht so dumm, dass wir den nicht vermeiden könnten.“ Worte eines Mediziners, dessen Ethos ganz vom Dienst an den Menschen bestimmt ist. Unermüdlich ist Stephan Tanneberger für sie im Einsatz und gerade seine Bedenken geben ihm den Optimismus, ihnen mit seinem Buch Mut zu machen.
Daniel Flügel
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Potsdamer Neueste Nachrichten vom 21.02.11
Poesie der Augenblicke Lyriklesung im
Café 11-Line
Obwohl sie keinen Hehl daraus machen, merkt man ihnen doch das Lampenfieber nicht an. Als die beiden Potsdamer Autorinnen Waltraud March und Elke Hübener-Lipkau am Freitagabend im „Caffé 11-Line“ allerlei Eigengedichtetes präsentieren, geschieht das durchaus mit Verve, viel Charme und Geschick, bleiben große Versprecher aus, werden die Stimmen nicht zittrig und schweigt man anschließend auch nicht hilflos vor sich hin. Gut gemeint sind die musikalischen Einlagen, schlecht gemacht nur ihr Einsatz.
„Bedeckt mit Fläumchen / hängt hoch im Bäumchen / das letzte Pfläumchen / dreht seine Däumchen / und träumt sein Träumchen“ Oft ist es wie hier, in Elke Hübener-Lipkaus Gedicht: raureifbedecktes Dörrobst, diese witzige Niedlichkeit einfacher Bilder, die den gut 20 Gästen ein Schmunzeln entlockt. Nicht durchweg, doch regelmäßig besetzt der Humor die Verse, zieht er sich durch die drei Themengebiete, in welche die beiden Damen ihre Lesung gegliedert haben, sich einander abwechselnd, von einer Rezitation zur nächsten. „Einfach so“, wie sie irgendwann anfingen zu schreiben, heißt auch ihr Programm.
Eine dankbare stoffliche Fülle bietet die Poesie des Alltags, wie die Beobachtungen in einer belebten U-Bahn oder auf einer alten Bank am Ufer der Mosel zeigen, der Gegend, wo Waltraud March viele Jahre lebte, bevor sie als Gleichstellungsbeauftragte der Bundespolizei 2008 nach Potsdam zurückgezogen ist und mit dem Schreiben begonnen hat. Im Gegensatz zu ihrer langjährigen Freundin, der bemerkenswert vielseitigen Künstlerin Elke Hübener-Lipkau, die als Malerin wohl folgerichtig auch reichlich Farben, Symbolhaftigkeit und Kunstsinn in ihre Lyrik einfließen lässt, bestechen die Gedichte Waldtraud Marchs durch ihre Klarheit und Besinnlichkeit, was sich im zweiten Thema, dem Jahreslauf, sehr schön zeigt, wenn es etwa in ihrer Ode an die Kindheit heißt: „Fläming, wenn ich Dich betrete / hör ich den Heimatwind / hör ich noch tausendfach Geräusche / die alle meine Kindheit sind!“ Ein stilistischer Unterschied, der von den Gästen als sehr wohltuend empfunden wird, eine gelungene Ergänzung.
Und schließlich in der Liebe, dem dritten Thema, finden sich die Verse der beiden fast, gehen sie motivisch scheinbar ineinander über und lassen eine Harmonie gemeinsamen Augenzwinkerns und freundlich leichter Ironie entstehen. Doch so gebannt und konzentriert die Gäste an diesem Abend der Lyrik lauschen, so irritierend und geradezu unglücklich wirken die kurzen, von CD abgespielten Klavier- und Flötenklänge, welche die Themenwechsel anzeigen sollen, jedoch etwas zu laut sind, stets mittendrin beginnen und ebenso jäh, wie abgeschnitten enden. Freilich – hier wäre wohl das dezente, ausgewogene Zwischenspiel guter Musiker angemessener gewesen oder doch zumindest eine bessere Musikanlage.
Von Herzen aber kommt der Applaus der Gäste nach gut einer Stunde, auch wenn es natürlich kein Leichtes ist, rund einhundert Gedichte auf einmal wirken zu lassen, wie eine Dame aus dem Publikum ehrlich bemerkt. Auch sie ist begeistert von der Lyrik und vor allem der Rezitationslust, wofür sie beiden Autorinnen dankt. Die ihrerseits haben sich kurzerhand in den Kreis der Gäste gesetzt, wo sofort eine lebhaft heitere Unterhaltung einsetzt, Weingläser anstoßen und Nähkästchen geöffnet werden, wo über das Leben und über das Schreiben gesprochen wird wie über einen guten alten Freund.
Daniel Flügel
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Märkische Allgemeine - 24.01.2011
JUBILÄUM: Leise und poetisch
Filmmuseum ehrte Christa Kozik zum Siebzigsten

Christa Kozik und Rolf Losansky
POTSDAM / INNENSTADT - Wenn das kein Empfang war: ein rappelvoller Saal des Filmmuseums und Besucher von jung bis alt querbeet. Dass Kinderfilme nach Büchern von Christa Kožik sich auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch ungebrochener Beliebtheit erfreuen, hat dieser Samstagnachmittag bewiesen. Anlässlich des 70. Geburtstags von Christa Kožik, die in der DDR zu den bekanntesten Kinderbuchautoren zählte, war auf Initiative des Brandenburger Literaturkollegiums eine Vorführung von „Moritz in der Litfaßsäule“ ins Programm aufgenommen worden. Der Film nach Kožiks gleichnamigem Roman entstand 1983 unter der Regie von Rolf Losansky, ihrem „Bruder im Geiste“, mit dem sie mehrfach zusammen arbeitete.
Beide waren am Samstag ins Filmmuseum gekommen und freuten sich über die Resonanz der „großen und kleinen Kinder“, wie Kožik sagte. Sie habe gern über und für Kinder geschrieben. „In den Kindern sehe ich die allergrößte Hoffnung, dass die Welt doch noch besser wird.“
Nach der Wende standen die Filme nach ihren Buchvorlagen oft im Schatten neuerer Werke, aber im Herzen der Eltern und Großeltern überlebten sie. Dass diese die Begeisterung an die jetzige Kindergeneration weitergeben, ließ sich am Samstag am Publikum ablesen: Ganze Familien freuten sich, die Geschichte von Moritz, der ein paar Tage mit einer sprechenden Katze und einem weisen Straßenfeger in einer Litfaßsäule verbringt, noch einmal zu sehen. Sie freue sich, dass ihre leisen, poetischen Werke immer noch geschätzt seien, so Kožik. Viele Besucher ließen sich im Anschluss an den Film alte Kinderbuchausgaben signieren.
„Moritz in der Litfaßsäule“ läuft übrigen seit eineinhalb Jahren als erfolgreiches Kindertheaterstück in Parchim. Auch der Film „Der verzauberte Einbrecher“ ist als Theaterstück fertig geschrieben, Kožik hat es dem Hans-Otto-Theater angeboten. Außerdem arbeite sie derzeit an einem neuen Kinderbuch. „Aber den Titel verrate ich noch nicht“.
(Von Steffi Pyanoe)
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Potsdamer Neueste Nachrichten (20.01.2011)
Gestutzte Flügel
Von Heidi Jäger
Drehbuchautorin Christa Kozik wird Freitag anlässlich ihres
70. Geburtstages im Filmmuseum geehrt
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Angezogen von innerer
Zerrissenheit. Christa Kozik.
Foto: Andreas Klaer
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Märkische Allgemeine - Sonnabend/Sonntag 8./9. Januar 2011
Den Wein des Lebens kosten
(Von Marko Martin)

Was für ein Leben! Geboren 1924 im Berliner Scheunenviertel und 1938 der mörderisch gewordenen Heimat mit einem der letzten jüdischen Kindertransporte nach England entkommen. Dann nach Kriegsbeginn dort als „feindlicher Ausländer“ interniert und mit einem Gefangenenschiff nach Australien deportiert. Gefahren und Fremdheiten, die sich in atemberaubender Schnelligkeit potenziert haben mussten in der Wahrnehmung dieses nun am anderen Ende der Welt gestrandeten Jungen.
Und doch könnte man ihn als Glückspilz bezeichnen, denn im Gegensatz zu Millionen anderer hat er nicht nur überlebt, sondern aus seinen Erlebnissen Erfahrungen gefiltert, das heißt Bücher gemacht: Wir sprechen vom Schriftsteller Walter Kaufmann, der inzwischen seit vielen Jahren in Kleinmachnow lebt und soeben seine Autobiografie „Im Fluss der Zeit“ vorgelegt hat.
Der Titel ist treffend gewählt, denn dieser Text fließt in der Tat: vom Gestern ins Heute, von Auszügen aus Kaufmanns zahlreichen Büchern hinein in aktuelle Kommentare und Reflexionen. Und es scheint, als seien die drei Punkte, mit denen viele der Passagen enden, tatsächlich einem Leben angemessen, wie man es sich ereignisreicher kaum vorstellen kann: Obstpflücker und Kriegsfreiwilliger in Australien, Schlachthofarbeiter in Melbourne und Seemann ... Als solcher gewerkschaftlich organisiert, besuchte er 1955 zu den damaligen Weltjugendfestspielen Warschau – wo man übrigens, der Autor erwähnt es leider nicht, erst ein Vierteljahrhundert später mit „Solidarnosc“ die erste freie Gewerkschaft zeitweilig zuließ.
Der junge Matrose, bereits damals schriftstellerisch tätig, bereiste danach die Sowjetunion und die DDR, in die er dann 1957 übersiedelte, wobei er seinen australischen Pass freilich sicherheitshalber behielt – eine interessante Parallele zum allzeit vorsichtig-listigen österreichischen Staatsbürger Bertolt Brecht, die Walter Kaufmann jedoch auch nicht zieht.
In der Tat zeichnet dieses lebenspralle Buch eine gewisse gedankliche Unschärfe aus. Zwar findet sich in keiner Zeile provinzieller DDR-Mief, doch die hohe Kunst des partiellen Wegsehens wird an vielen Stellen ausgeübt. Immerhin hatte der integre Herzenssozialist bereits in Australien Artur Koestlers berühmten Roman „Sonnenfinsternis“ gelesen und war von einem seiner Genossen darüber informiert worden, dass Stalin mehr deutsche Kommunisten auf dem Gewissen hat als Hitler. Intellektuelle Konsequenz daraus? Man sucht sie vergeblich. Und kann sich doch der Sympathie für diesen jungen (und dann auch älteren) Mann mit dem buschigen Schnauzbart nicht versagen, den man sich – später auf Schiffen der ostdeutschen Handelsmarine nach Südamerika unterwegs – als eine Art guten Kameraden, sozialkritischen Käpt’n Blaubär, ja als eine Art Jack London der DDR vorstellen muss. Was keineswegs despektierlich gemeint ist, gab es im Literaturleben des SED-Staates ja so viele Genossen-Romanciers nicht, deren Lebensträume derart herzhaft offen waren: „Die Welt bereisen, den Wein des Lebens kosten, Männerfreundschaften und die Zuneigung der Frauen gewinnen – und Bücher schreiben, die viel gelesen werden.“
Wer zu DDR-Zeiten diese Bücher Walter Kaufmanns gelesen hat (der Verfasser dieser Zeilen zählt dazu), wurde nämlich tatsächlich mit einem Hauch von großer weiter Welt beschenkt. Wie packend dieser Autor schrieb, mit wie wenig Sätzen es ihm gelang, eine unverwechselbare Atmosphäre zu schaffen, in der Schilderung australischer Gefängnisse ebenso wie amerikanischer Obdachlosen-Asyle – man bekommt auch jetzt einen Eindruck davon, in eben jenen als Selbstzitat kenntlich gemachten Passagen aus den vorangegangenen Romanen, Reportagen und Erzählungen. Was gewiss von Gewinn ist, mitunter aber auch etwas schade. Denn rasend schnell geht es von Angela Davis zu den Genossen in Israel (KP-Genossen im Ausland scheinen ihm offensichtlich vertrauenswürdiger als die Bonzen daheim), dann fahren wir bereits im Cadillac quer durch Kuba (Castros Straflager finden selbstverständlich keine Erwähnung, da ja die US-Blockade gegeißelt werden muss) oder befinden uns auf dem Flughafen in Tokio.
Doch wäre zwischendurch nicht ein wenig Zeit und Platz gewesen für einige Reflexionen in eigener Sache? Wie nämlich ließ es sich wohl durch die Welt reisen, wenn man lebte und veröffentlichte in jener zugemauerten DDR, die ihre Bürger bereits abknallte, wenn sie nur von Ost- nach Westberlin zu fliehen versuchten? Und wie geht heute ein Überlebender des Holocaust mit der Tatsache um, dass er sich zu jenem deutschen Staat bekannte, der Israel ja nicht nur rhetorisch Feindschaft geschworen hatte, damals beinahe jeden Tag nachzulesen in den Hetzartikeln des „Neuen Deutschland“, sondern auch ganz praktisch tätig war – mit kaschierten NVA-Flugzeugen beim syrischen Angriffskrieg während Yom Kippur 1973 oder bei der Ausbildung von Abu Nidals Judenmördern in abgeschirmten Brandenburger Manövergebieten?
Schließlich: Wie konnte man jahrelang Generalsekretär des ostdeutschen PEN-Clubs sein, dessen Daseinsgrund darin bestand, permanent gegen die eigene Satzung zu verstoßen, will heißen, verfolgten Schriftstellern in der DDR und im Ostblock eben nicht beizustehen, sondern stattdessen die Solidarität zu verweigern?
Trotz dieser notwendigen Fragen – ein bornierter Verklärer der DDR ist der Weitgereiste keineswegs. Obwohl er die aufgrund nachlassenden Käuferinteresses nach der Wende erfolgte Makulierung von DDR-Büchern skandalöserweise eine „neuzeitliche Bücherverbrennung“ nennt, ist er in anderen Passagen durchaus hellsichtig und gewinnt besonders der Stasi-Thematik beklemmende Szenen ab. Mit dem MfS hat sich dieser trotz allem Unabhängige eben doch nicht eingelassen, obwohl man ihn selbst im Freundes-, ja Familienkreis genau dessen verdächtigt hatte.
Ironie der Geschichte: Womöglich waren es ja gerade jene „mangelhaften theoretischen Kenntnisse“, die Kaufmann vor einer Spitzeltätigkeit schützten – und 1959 von der damaligen MfS-Informantin Christa Wolf alias IM „Margarete“ moniert worden waren. Und so, wie Christa Wolf anschließend für 34 Jahre diese Episode vergessen hat, scheint auch Walter Kaufmann vergessen zu haben, sich einige entscheidende Fragen zu stellen. Überaus lesenswert bleibt seine Autobiografie dennoch. Vermutlich ist sie in ihren offensichtlichen Stärken und nicht minder in den ins Auge springenden Schwächen sogar repräsentativer, als es ihr Autor vermutet.
Walter Kaufmann: Im Fluss der Zeit. Auf drei Kontinenten. Dittrich-Verlag, 293 Seiten, 19,80 Euro.
Am 13. Januar, 20.30 Uhr, liest der Autor im Berliner Buchhändlerkeller (Berlin-Charlottenburg, Carmerstraße 1) aus seinem Buch.
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31.12.2010 Märkische Allgemeine – Potsdamer Stadtkurier / Kultur

JUBILÄUM: Das dritte Auge
Die Schriftstellerin Christa Kozik feiert am Neujahrstag ihren 70. Geburtstag
POTSDAM / BABELSBERG - Jene „heitere Oberflächlichkeit“, die Christa Kozik in neueren Märchenfilmen beobachtet, war ihre Sache nie. Stattdessen gab sie in ihren mehrfach für die Leinwand adaptierten real-phantastischen Geschichten jungen Lesern und Filmeguckern humanistische Botschaften mit auf den Weg, die weder nach dem Konsum „verläppern“ noch an Aktualität verloren haben. Engagiert erzählt die Babelsbergerin in ihrem behaglichen Arbeitszimmer davon, wie wichtig es sei, der Kinder „drittes Auge“, die Phantasie, offen zu halten. Nicht nur dank der sechs Enkelsöhne hat Christa Kozik, die am Neujahrstag tatsächlich schon ihren 70. Geburtstag feiert, den Bezug zu kleinen Menschen nie verloren. Zudem wird die Drehbuchautorin („Hälfte des Lebens“) und Schriftstellerin, zu deren bekanntesten Büchern „Moritz in der Litfasssäule“ gehört, regelmäßig bis in die Schweiz zu Veranstaltungen eingeladen, die mit dem Nachwuchs das Lesen feiern.
Im Frühjahr neu aufgelegt wurde Christa Koziks 1983 erstmals erschienenes Buch „Der Engel mit dem goldenen Schnurrbart“ – ein poetisches Plädoyer für Toleranz, dessen schwedische Übersetzung sie wenige Wochen vor dem Mauerfall bei einer Kulturbegegnung nach Stockholm zur viel bewunderten Astrid Lindgren brachte. „Mir zitterten vor Aufregung die Knie“, erinnert sich Christa Kozik. Ein gerahmtes Foto im Arbeitszimmer zeugt von der Episode mit der Grande Dame anspruchsvoller Kinderliteratur. Viele von Christa Koziks Büchern wurden verfilmt – allein Regisseur Rolf Losansky brachte außer „Moritz in der Litfaßsäule“ (1983) noch „Ein Schneemann für Afrika“ (1977) und „Friedrich und der verzauberte Einbrecher“ (1997) auf die Leinwand. Dem „Engel mit dem goldenen Schnurrbart“ aber blieb das bislang verwehrt – obwohl sie das Drehbuch dazu schon vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten verfasste, ein neuer Defa-Kinderfilm sollte es werden. Dann kam die Wende. Spätere Studiobosse ließen das Projekt fallen, auch eine Zusammenarbeit mit dem MDR scheiterte. Im nächsten Jahr will Christa Kozik endlich interessierte Produzenten für ihren „Engel“ finden – ein Geburtstagswunsch, über dessen Einlösung sich auch viele Kinder freuen würden. (Von Ricarda Nowak)
Am 19., 22. und 23. Januar, jeweils um 16 Uhr, zeigt das Filmuseum Moritz in der Litfaßsäule“, am 22. Januar in Anwesenheit von Christa Kozik und Rolf Losansky.
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Potsdamer Neueste Nachrichten - Potsdam Kultur 23.12.2010

Kühlschrankpoesie
Der elfte Lyrikkalender des Literaturkollegiums Brandenburg
Ein Spaziergang durch Potsdam kann ein ganzes Jahr dauern. Wenn die Impressionen am Wegesrand schlafende Gedanken wecken, die Worte sich mit Bildern verbinden und sich auf dem Papier fixieren: Stimmungen und Gefühle des Alltags gerahmt auf ein Langformat, das man sich an die Wand hängen kann. Wohnzimmerpoesie, Naturgefühle und Sehnsucht in Einem.
Zum elften Mal hat das Literaturkollegium Gedichte brandenburgischer Dichter, in diesem Jahr zusammen mit Bildern von Sebastian Kommerell, im „Lyrik-Kalender 2011“ versammelt. „Gedichte und Bilder, die ihr Eigenleben haben und sonst auf getrennten Wegen ihre Empfänger erreichen, sind in diesem Kalender vereint“, schickt Henry-Martin Klemt im Vorwort dem neuen Jahr voraus.
Sechs Autoren und sechs Autorinnen haben die Kalenderblätter beschrieben. Die Bilder des Malers Sebastian Komerell sind wie Eindrücke des besagten Spazierganges.
Manche Motive könnten von irgendwo stammen, andere sind eindeutig in Potsdam zu verorten. Einfache Skizzen, Aquarelle, bunte Zeichnungen, naiv, aber freundlich: wie die kleinen Gedichte fangen sie die kleinen Nichtigkeiten, die man so oft übersieht. Auf Wanderung mit Komerell durch das Jahr endeckt man im Januar „Blütenwunder im Schnee“ von Ute Apitz. Sonja Schüler führt die Spaziergänger im Februar durch „Sans Souci halb Acht“, eine Allee von schwarzen dünnen Baumstämmen, vorbei an den verschwommenen Umrissen des erleuchteten Palais von Sanssouci: „Das Lied der Amsel wärmt den Stein“ in dieser noch kalten, weißen Landschaft.
Keine großen Worte, aber welche, die doch jeder denken könnte, wenn er im März durch entblätterte Wipfel schaut, sind Gabriele Thiere aus der Feder aufs Kalenderblatt getröpfelt: „Du warst zu früh an meinem Fluss, und ich zu spät an deinem Ufer“. Jeder kennt dieses Gefühl, sich gegenseitig verpasst zu haben. Heraus stechen Elke Hübner-Lipkaus mystische Zeilen, „Wiedergeburt“: „Auf der Schale des Nautilus / wird der Mond stets neu geboren / und die grauen Falter fliegen, strömen wie ein dunkler Fluss / lautlos seinem Licht entgegen.“
Andere Poeme enthalten weniger tiefsinnigen Pragmatismus: „Wenn du nicht / sehen kannst, weil die Augen verschneiten / schlag den Kragen hoch, / guck durch das Knopfloch (...)“, rät Egbert Lipofski in „Winterfest“. In dieser kleinen Lyrik-Apotheke für den Hausgebrauch dürfte wohl für jedes lyrische Wehwehchen ein Kraut zu finden sein.
Eine große Schwäche des Kalenders ist sein Äußeres. Eine ruhigere Schriftgestaltung, vor allem ein einheitliches Aussehen des Ziffernblockes, der Verzicht auf die vielen Schatten unter den farbig animierten Lettern, sei dringenst empfohlen. Sie übertönen die Textgestaltung der Gedichte. Nicht jede Lücke auf dem Blatt muss unbedingt graphisch ausgefüllt werden. Mehr Raum gäbe auch mehr Raum für eigene Assoziatien zu den Bildern und Gedichten. Wenn dann noch ein paar Linien für Notizen auf den Kalenderblättern wären ... Undine Zimmer
Der Lyrikkalender 2011 kostet 10 Euro und ist u.a. erhältlich beim Literatur-Kollegium, Charlottenstrasse 31 und in der Buchhandlung Internationales Buch
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Potsdamer Neueste Nachrichten / 16.12.2010
Suche nach Antworten
Cora Pech liest aus ihrem Romanmanuskript „Stellungswechsel“ über ihre Potsdamer Kindheit

Eigener Vergangenheit nachspüren. Die
Schriftstellerin Cora Pech.
Foto: A. Klaer
Die Namen Volker und Hannelore Garzke scheinen in den Archiven des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik nicht zu existieren. Das macht misstrauisch. Für die 48-jährige Potsdamerin Cora Pech waren die Stasi-Unterlagen die letzte Hoffnung, etwas über ihre Eltern zu erfahren. Beide starben 1965, als sie erst drei Jahre alt war.
In ihrem noch unveröffentlichten Romanmanuskript „Stellungswechsel“, das sie am morgigen Freitag im „Caffé 11-Line“ vorstellt, verarbeitet Cora Pech ihre Kindheit in Potsdam. Ihre Heldin Maja ist, wie Cora Pech selbst, eine Waise, die am einen Ende der Hegelallee alleine mit ihrem Großvater aufwuchs. Als Erwachsene erzählt Maja, auch das hat sie mit der Autorin gemeinsam, einem Therapeuten ihre Vergangenheit.
Wer Cora Pech in dem kleinen Büro des Literaturkollegiums in der Charlottenstraße, ganz oben unter der Dachschräge besucht, wo sie ein paar Tage in der Woche Sekretariatsaufgaben erledigt, wird fröhlich begrüßt. Man spürt sofort, dass sie hier gerne arbeitet. Und gleich fängt sie an zu erzählen, dass sie schon seit fünf Jahren an ihrem Traumprojekt, dem Roman, der nächstes Jahr endlich fertig werden soll, arbeitet. Diesmal möchte sie, dass ein Lektor den Text vor der Veröffentlichung liest. Darum wird sie ihn auch einer Agentur anbieten. Denn mit ihrem schon veröffentlichten Band mit erotischen Kurzgeschichten ist sie im Nachhinein an vielen Stellen unzufrieden.
In „Stellungswechsel“ nennt Cora Pech ihr Leben bis zur Wende, sie war damals 27 Jahre alt, ein „ungeborenes Leben“. Das Richtige fing erst an, als sie frei reisen durfte, wohin sie wollte, lesen konnte, was ihr gefiel und Neues entdecken konnte, Yoga zum Beispiel. Wenn Cora Pech heute ihren Wagen zum Shoppen auf dem Parkplatz in der Hegelallee, gegenüber dem alten Stasi-Gebäude parkt, dann verspürt sie immer noch eine Mischung aus Erleichterung und Schadenfreude.
In ihrem Roman stellt sie die Fragen, auf die bis heute niemand eine Antwort gegeben hat: Wie und warum ihr Vater gestorben ist. Bei einem Schichtwechsel während seiner Zeit in der NVA, sei er mit einem Loch in der Schläfe aufgefunden wurden. Warum ihrer Mutter die Nachricht nicht mit Beileid überbracht wurde, sondern sie stattdessen sofort verhört, die Wohnung durchsucht und die junge Frau beobachtet wurde, bis sie sich selbst erhängte. Unter welchen Umständen ihr Onkel nur ein paar Jahre später ertrank. Und warum in den Stasi-Unterlagen nicht ihre Namen auftauchen. Cora Pech vermutet, dass man ihren Eltern Spionage unterstellen wollte, weil ihr Vater, der die DDR gerne verlassen hätte, so hat man ihr erzählt, Militäranlagen fotografiert habe.
Von ihrer Kindheit erzählt sie gefasst, mit ruhiger Stimme „Es geht nicht darum eine Schuldfrage zu klären, es geht darum zu verstehen, was damals passiert ist“. Aber dieses Verschweigen, das ihr immer wieder begegnet, macht Cora Pech Angst. Davor, dass zu vieles nicht aufgearbeitet wird, und dass sich eine Diktatur doch wiederholen könnte. Ihre Stimme wird energisch, wenn sie erzählt, dass sie in Diskussionen statt Antworten nur den Satz „Das war alles nicht so schlimm“ zu hören bekam. „Da müssen wir in unterschiedlichen Welten gelebt haben“, sagt Cora Pech. Ein „Es tut uns leid, was damals passiert ist“, würde ihr etwas von dieser Angst nehmen. Sie hat das Gefühl, dass auch in ihrer eigenen Familie noch Geheimnisse gehütet werden.
Allein mit ihrem Großvater aufzuwachsen war für beide eine Herausforderung. Er war sehr ernst und oft streng. Das Jugendamt sei ständig vorbeigekommen. Er verbat ihr das Lesen, obwohl sie Literatur von Anfang an begeisterte. Davon, dass sie als Zehnjährige in der Schule Aktbilder aus der Zeitschrift „Das Magazin“ tauschte, hatte er natürlich keine Ahnung. „Erst als ich meine Tochter bekommen habe, wurde er ganz anders. Ich habe ihn zum ersten Mal lachen sehen.“ Und während sie davon erzählt, sind da Tränen in ihren Augenwinkeln.
Angefangen mit heimlichen Tagebüchern, schrieb sie als junges Mädchen ihr erstes Liebesgedicht an den Kachelofen. Später entdeckte sie Kurzgeschichten für sich. Ein paar wurden im Jugendmagazin „Neues Leben“ und im „Magazin“ gedruckt. Ihre erotisch kriminalistisch angehauchten Texte fanden auch auf Lesungen Anklang. „Das ging immer gut, es war ja unpolitisch.“ Diese Erzählungen waren auch ein Mittel, sich an verflossenen Liebhabern rächen. Darüber muss sie heute zwar lächeln, aber das Schreiben, damals wie heute, ist Cora Pechs Versuch, Erlebtes zu verarbeiten. Undine Zimmer
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Potsdamer Neueste Nachrichten 07.12.2010
Literatur fürs „platte Land“
Literatur-Kollegium Brandenburg feiert Jubiläum
Das ostalgische Image, das dem Literatur-Kollegium Brandenburg noch immer anhängt, würde seine Geschäftsleiterin Gabriele Thiere gerne endgültig loswerden. Das ist es wohl, was sie sich zum 20- jährigen Jubiläum des Literatur-Kollegiums am meisten wünscht. Gefeiert wurde am Sonntagnachmittag im Club Charlotte. Die Laudatio hielt Walter Flegel, der als ehemaliges Gründungsmitglied auch heute noch für das Kollegium aktiv ist.
Entstanden ist das Literatur-Kollegium 1990, als in den Wendezeiten viele DDR-Autoren und Verlage ihre Existenzen verloren. Zu dem finanziellen Druck in der Literaturbranche kamen eine schlechte Organisation und Distribution. Schon besiegelte Autorenverträge wurden wieder gekündigt. So war die Gründung des Literatur-Kollegiums für seine Mitglieder der Versuch eines Neuanfangs. Ohne politische Ambitionen oder dem Bedürfnis der Vergangenheitsbewältigung – so klingt es, wenn man Gabriele Thiere nach den Anfängen fragt. Fragen, die auf die politische Vergangenheit von ehemaligen Vorsitzenden des Kollegiums abzielen, beantwortet sie nicht so gerne. „Die sind ja alle nicht mehr da“, sagt sie nur. Lieber spricht sie über das Jetzt und die Nachwuchsliteraten. Immer wieder fällt der Begriff „literarische Qualität“. Die Sprache sei vor allem damit gemeint, zum Beispiel die Wortwahl, die Beschreibungen und die Charakterisierung der Figuren in einer Geschichte. Bestseller wie Harry Potter zählt sie nicht dazu. „Viele unserer Autoren sind zeitkritisch und haben eine politische Haltung“, so Gabriele Thiere. Aber das soll nicht heißen, dass im Literatur-Kollegium nur für Erwachsene geschrieben wird.
Das Angebot ist breitgefächert und für alle Altersklassen. Viele Projekte werden mit unterschiedlichen Kooperationspartnern und Veranstaltern, wie in der künstlerisch-literarischen Werkstatt beim Kibuz in Potsdam mit deutsch und russischsprachigen Autoren, mit dem Filmmuseum Potsdam, verschiedenen Bibliotheken des Landes Brandenburg oder dem Literaturklub für Behinderte Potsdam organisiert. Besonders stolz ist man im Literatur-Kollegium auf die gute Vernetzung und den Brandenburgischen Literaturpreis. Er wird unter diesem Namen seit 2006 vergeben und ist mit 500 Euro dotiert. Um die 75 bis 100 Veranstaltungen im Jahr koordiniert Gabriele Thiere für das Literatur-Kollegium.
Bisher hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg die Arbeit des Kollegiums mit 35 000 Euro jährlich unterstützt. Durch Drittmittel und Eigeneinnahmen kommt das Literaturkollegium insgesamt auf 53 000 Euro pro Jahr. „Ich hoffe, dass wir weiter gefördert werden“, sagt Gabriele Thiede. „Besonders auf dem platten Land, wo es wenig kulturelle Infrastruktur gibt, werden unsere Autoren besonders herzlich empfangen“. Großer Beliebtheit erfreuen sich zum Beispiel immer wieder die Nächte der Poesie, die in Pritzwalk, im Schloss Caputh, im Schloss Rheinsberg oder im Optikpark Rathenow gelesen werden.
In Zukunft sei es für das Kollegium am wichtigsten, so Gabriele Thiere, noch stärker als literarisch-künstlerische Institution wahrgenommen zu werden und mehr junge Leute für das Kollegium zu gewinnen. Noch liegt das Durchschnittsalter der Nachwuchsliteraten etwas höher, als man sich unter „Nachwuchs“ vorstellt. Auch die Zusammenarbeit mit der Uni Potsdam für die Literaturzeitschrift „schreib“ sei noch ausbaufähig, sagt Gabriele Thiede. Undine Zimmer
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27.11.2010
LITERATUR-KOLLEGIUM: Die Wogen haben sich geglättet
20 Jahre mühsame Arbeit
POTSDAM - „Wir sind kein Partei-Verein, sondern konzentrieren uns auf die Literatur“, betont der 76-jährige Walter Flegel, der das Literatur-Kollegium Brandenburg e.V. vor 20 Jahren mit 15 Kollegen gegründet hat. Sein Weggefährte, der 81-jährige Manfred Richter, fügt hinzu: „Wobei ich betonen möchte, dass ich links bin.“
Die friedliche Revolution 1989 und die Wiedervereinigung 1990 haben die beiden Herren persönlich als Niederlage erlebt. Und als Karriereknick. In der DDR waren sie staatlich anerkannte Schriftsteller, für ihr Auskommen war gesorgt. Walter Flegel wurde auch über den Bezirk Potsdam hinaus wahrgenommen, weil er bei Schriftstellerkongressen in NVA-Uniform im Podium saß. Mit Romanen wie „Wenn die Haubitzen schießen“ (1960) und „Der Regimentskommandeur (1971) galt er als Spezialist für „die epische Darstellung von Problemen aus dem Alltag der Nationalen Volksarmee“.
„In der DDR haben wir über Vereinsmeierei gelacht. Dann haben wir 1990 selbst einen Verein gegründet“, sagt Flegel heute mit einem entspannten Lächeln. Diese Form war die Voraussetzung, um in den Genuss einer institutionellen Förderung zu kommen. Das Literaturkollegium erhält jährlich 45 000 Euro aus Landesmitteln. Es veranstaltet Lesungen, gibt Publikationen heraus und berät angehende Autoren.
Vor allem möchte man sich für Autoren aus der Region stark machen. An der Wand in der Geschäftstelle in Potsdam hängt eine Brandenburg-Karte mit roten Markierungen. Überall hat man Partner gefunden, um Veranstaltungen durchzuführen. Die Honorare dafür sind knapp bemessen. Für eine Einzellesung erhält der Autor höchstens 150 Euro, bei Gruppenlesungen 70. Um die mit literarischen Ansprüchen formulierten Worte in Schulen, Bibliotheken und Altersheimen in ihrer Wirkung auszutesten, wird so manche Ochsentour in Kauf genommen.
Auf der Einladung zur 20-Jahrfeier, die am 5. Dezember begangen wird, steht der Goethe-Satz: „Wer nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben“. Als Interessenvertretung für Schriftsteller, die noch neben dem Verband deutscher Schriftsteller (VS) existiert, gibt es in Deutschland keine vergleichbare Adresse. Dabei verspüren gerade jüngere, hier aufgewachsene und erfolgreiche Autoren wie Lutz Seiler, Antje Strubel, Grit Poppe, Antje Wagner oder Julia Schoch kaum eine Neigung, sich überhaupt zu organisieren. Im Literatur-Kollegium fanden sich zunächst Schriftsteller, die in der DDR erfolgreich waren, etwa Christa Kozik, Helmut Preißler oder Tom Wittken. Mittlerweile senken aber auch attraktive Neuzugänge wie Christine Anlauf das Durchschnittsalter.
„Was gedruckt wird und in den Buchhandlungen steht“, ist in den Augen von Walter Flegel oft von minderer Qualität. Er plädiert für eine Literatur, die sich nicht nach dem Markt ausrichtet. „Wir alle wissen, wie mit der Sprache heute geschludert wird ...“, sagt er. „... und mit den Gedanken“, fügt Manfred Richter nicht ohne Pathos hinzu.
Ihr Verein, der 100 Mitglieder zählt, wovon 60 Schriftsteller seien, hat inzwischen 46 Publikationen herausgebracht. Dazu zählen die Zeitschrift „Schriftzüge“, ein Lyrik-Kalender sowie Anthologien mit russisch-jüdischen Immigranten. „Wir haben große Probleme, Verlage zu finden“, klagt Richter, „und wenn, dann wollen sie nur an uns verdienen.“ Er selbst habe einen Anwalt eingeschaltet, um den Verleger seines 2004 erschienen Romans „Legende Lövenix“ zu einer Abrechnung zu zwingen.
Walter Flegel ist sehr glücklich darüber, dass sich Bücher heute im Books-on-Demand-Verfahren herstellen lassen. „Für eine 200er Auflage zahlen wir 1500 Euro, für 50 Stück 400 Euro und können jederzeit nachdrucken. Das ist sauber und fair“, erklärt er. In den letzten 20 Jahren hätten sich viele Wogen geglättet. Eine Existenzbedrohung für den Verein stellte 2007 eine Nachforderung der Künstlersozialkasse dar. Am Ende gelang es, in den eigenen Reihen 6000 Euro aufzutreiben. Eine andere Infragestellung war die Affäre um zwei Vereinsvorsitzende, die wegen Stasi-Verstrickungen abgelöst wurden. „Claus Küchenmeister und Hans-Otto Lauterbach sind heute ganz normale Mitglieder“, so Flegel.
(Von Karim Saab)
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22.11.2010 - Maerkische Allgemeine
LITERATUR: Potsdam-West ist sexy
Christine Anlauff liest aus ihrem zweiten Katzenkrimi und erhält Schreibtipps vom Publikum

Christine Anlauff
POTSDAM / INNENSTADT - Walter Flegel vom Literaturkollegium wurde bei seiner Begrüßung am Freitagabend im Café „11-Line“ nicht müde die Qualitäten von Christine Anlauff zu loben. Und so bremste die 1971 in Potsdam geborene Autorin die Erwartungen an ihren zweiten Kriminalroman genauso entschieden wieder herunter. Von Rohfassung des Manuskripts war die Rede und „natürlich sind da noch Fehler drin“. Anlauffs Angebot einer Probelesung beflügelte das altersmäßig weit auseinanderdriftende Publikum zu allerhöchster Konzentration und sollte sogar, wie sich später heraus stellte, die heimlichen literarischen Ambitionen der so Aktivierten zutage fördern.
Die rund einstündige Leseprobe zeigte ziemlich schnell, dass auch im neuen Krimi das bewährte Duo aus Kommissar Liebermann und Kater Serrano bei aller Liebe zur Kriminalistik bereits ein Ermittlungsergebnis fest im Kopf hat. Potsdam-West ist für beide unstrittig der attraktivste Kiez der Landeshauptstadt und sicher in einem Atemzug mit so magischen Orten wie der Lagunenstadt Venedig zu nennen. Was dort der stolze Campanile des Markusdoms, ist hier der Turm der Erlöserkirche und auch der Canal Grande hat mit dem Scharfgraben eine überaus würdige Entsprechung. Kein Wunder also, dass alsbald eine Wasserleiche angeschwemmt wird und das Verbrechen nach Aufklärung und Sühne verlangt. Dies geschieht zu einer Zeit da im Quartier eine „Hochschule für Liebeskunst“ die Phantasie der Einwohner anstachelt und Befürchtungen um ein neues Sündenbabel nährt.
Nicht nur der sympathisch-unbeholfene Kommissar ist bei der Ermittlungsarbeit in hochkomplizierte Gedankengänge verknäult. Auch Kater Serrano stellt das Schicksal vor schier unlösbare kriminalistische Herausforderungen. Seine Tochter Krümel wurde vergiftet und herzlos auf dem Kompost des Weltkulturerbe-Parks Sanssouci entsorgt. Serrano aber ergibt sich nicht dem Vaterschmerz, sondern geht mit viel Ratio und Sinn für vertrackteste Kausalitäten auf Mördersuche.
Relativ vorhersehbar dagegen war die Flut der Tipps und literarischen Empfehlungen, die auf Anlauff einprasselten, als sie ihre kurze Testlesung beendet hatte. Eine junge Dame empfahl, nachdem sie die uneingeschränkte und vollständige Zufriedenheit mit dem Vortrag bekundet hatte, die Sprache von Katzen und Menschen stärker zu unterscheiden. Andere Wortmeldungen liefen auf das komplette Gegenteil hinaus und ein gereifter Schriftsteller vermisste gar einen unmittelbareren Zeitbezug des Romans. So sammelte die Autorin geduldig alle Vorschläge des wie entfesselt ihren Roman verbessernden Publikums und versprach sogar deren Berücksichtigung. „Allerdings muss man da tierisch aufpassen“, schränkte sie milde lächelnd ein. (Von Lothar Krone)
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Märkische Allgemeine - Ausgabe Prignitz - Lokalnachrichten 07.10.2010
Vom Auf und Ab des Lebens
Nachdenklichkeit und Spannung bei Nacht der Poesie
PRITZWALK - Man hätte mitunter eine Stecknadel fallen hören können. Das Publikum bei der dritten Nacht der Poesie in der Pritzwalker Stadtbibliothek lauschte aufmerksam und konzentriert eine gute Stunde lang den vier Autorinnen und Autoren, die ihnen ihr Werk nahebrachten.
„Nacht der Poesie“ war dabei eine treffende, aber nicht ganz umfassende Bezeichnung für das, was die Zuhörer da erwartete. Denn Ingeburg Siebenstädt alias Tom Wittgen machte es richtig spannend. Nicht umsonst wird sie die „Agatha Christie der DDR“ genannt. „Liebes Kind, komm geh’ mit mir“ lautet der Titel ihres Krimis, aus dem sie vortrug. Darin geht es um Kindesentführung und Erpressung. Wie es ausgeht, wollte die Autorin von Drehbüchern für den „Polizeinotruf 110“ aber nicht verraten, nur so viel, dass das Ende „sehr tragisch“ sei.
Ganz anders Joachim von Hildebrandt. Der Hörfunkautor, Literaturkritiker und Schriftsteller wartete mit Auszügen aus seinem Buch „Viertelsekundenblick“ auf. Daraus präsentierte er die Erzählung „Chorgesang“ und dazu das Gedicht „Nicht mehr – noch nicht“. Inhaltlich geht es um eine Vertriebene, die als Siebenjährige aus dem heutigen Polen fliehen musste und die nicht mehr existente Situation immer noch im Kopf hat. Hildebrandt: „Sie kann sich davon nicht lösen, solange sie lebt.“
Hedy Rönz wiederum hat sich der Lyrik verschrieben. Ihr geht es um die kleinen Dinge, die andere gar nicht beachten, um die Leichtigkeit und die Schwere, das Auf und Ab des Lebens. Im Hauptberuf Sozialarbeiterin, zeigte sie sich in ihrem literarischen Schaffen als gute und nachdenkliche Beobachterin und „Fühlerin“.
Elke Hübener-Lipkau präsentierte ebenfalls Lyrik, die aus dem prallen Leben gegriffen war. Die studierte Soziologin, die in einem Museum arbeitet, ist ein künstlerisches Multitalent und im „Zweitjob“ seit eineinhalb Jahren Vorsitzende des brandenburgischen Literatur-Kollegiums, das mittlerweile über 100 Mitglieder hat. Im übrigen war diese Besetzung ein einmaliges Ereignis.
Elke Hübener-Lipkau war nicht das erste Mal in Pritzwalk und kommt auch gerne wieder, nicht zuletzt geschuldet der liebevollen Betreuung durch die Bibliotheksmitarbeiterinnen Marita Rehm und Dorothea Polei. Aber auch das Pritzwalker Publikum hat es ihr angetan, weil es zum einen regelmäßig und zahlreich kommt und zum anderen auch auf das Gebotene reagiert.
Bei der musikalischen Untermalung der Veranstaltung hatte es kurzfristig eine Änderung gegeben. Weil Jelena Kuprikow und Andrea Westphal krankheitsbedingt absagten, sprang Monika Schmidt ein. Die junge Putlitzerin, die gerade in Pritzwalk ihr Abitur abgelegt hat, war aber mehr als nur Ersatz und sorgte für weitere schöne Akzente. (Von Bernd Atzenroth)
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Märkische Allgemeine - Ausgabe Prignitz - Lokalnachrichten 06.10.2010
Einem traurigen Engel die Flügel gestutzt
Zwei Autorinnen lasen gestern in der Pritzwalker Stadtbibliothek für Kinder der Jahngrundschule

PRITZWALK - Schon mit ein paar kleinen Anekdoten aus ihrer Geschichte „Moritz in der Litfaßsäule“ begeisterte Christa Kozik gestern in der Pritzwalker Stadtbibliothek Viertklässler von der Jahnschule. Doch im Mittelpunkt ihrer Lesung stand ihr Buch „Der Engel mit dem goldenen Schnurrbart“, das gerade erst wieder erschienen ist. „Das ist eine Liebesgeschichte zu einer Zeit, als es noch die Mauer in Berlin gab“, erzählte sie den Kindern. Die Geschichte von Lilli und einem Engel, in den sie sich verliebt, und der nach und nach immer trauriger wird, weil er nicht mehr fliegen darf.
„Wie würdet ihr die Geschichte weiterschreiben?“ fragte die Autorin dann in die aufmerksame Runde. „Er wird wieder wegfliegen“, meinte ein Kind. „Er wird Lilli mitnehmen“, meinte ein anders. Darauf verriet Christa Kozik, welches Ende sie sich für die Geschichte ausgedacht hatte. Ein offenes, aber auch ein trauriges nämlich. Denn Lilli stutzt ihrem Engel, der immer trauriger geworden ist, eines Tages heimlich die Flügel, damit er nicht davonfliegt. Der merkt das aber und macht sich ganz traurig genau deswegen von dannen – wohin auch immer.
„Gibt es Lilli wirklich?“, will dann ein Junge wissen. Lilli nicht, aber die im Buch angegebene Adresse schon. Und dort kam viel Post an für Lilli, wie die Autorin erzählte. Damit hatte sie damals auch nicht gerechnet.
Christa Kozik arbeitet im Moment an einem neuen Buch mit Titel „Lilli lebt gefährlich“. Der Kontakt mit ihr kam nach Angaben von Marita Rehm von der Stadtbibliothek über das Literatur-Kollegium zustande.
Zuvor schon hatte Carmen Winter vor Fünftklässlern aus der Jahnschule gelesen. Auch die Autorin aus Frankfurt/Oder war über das Literaturkollegium vermittelt worden. (Von Bernd Atzenroth)
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Verleihung des Brandenburgischen Literaturpreises am 09. Oktober 2010 an den Lyriker Dieter Lenz
kurzer Filmbeitrag unter:
http://www.potsdamtv.de/kultur/Brandenburgischer_Literaturpreis-15223.html
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04.10.2010
Märkische Allgemeine - Havelland Lokalnachrichten
LESUNG: „Du latschst quer durch meine Seele“
Die fünfte Nacht der Poesie im Optikpark beeindruckte das Publikum mit „Erotischem zur Nacht“
RATHENOW - In warmes rotes Licht war der Konzertsaal in der Alten Mühle am Samstagabend getaucht. Die alten Holzbalken waren mit Samt und Organza umschlungen sowie mit roten Rosen dekoriert. Männliche und weibliche Torsi aus Gips ließen erahnen, dass das Thema kein politisches sein würde. Unter dem Motto „Erotisches zur Nacht“ hatte der Optikpark zur fünften „Langen Nacht der Poesie“ geladen, den Matthias Gerbeth am Keyboard und die Sängerin Sophie Gardianczik mit dem Lied „Kiss me“ eröffneten.
„Es ist zu einer schönen Tradition geworden, dass das Literatur-Kollegium Brandenburg regelmäßig in den Optikpark nach Rathenow eingeladen wird“, so Elke Hübner-Lipkau, Vorsitzende des Literatur-Kollegiums Brandenburg. Dem gemeinnützigen Verein, der 1990 gegründet wurde, gehören inzwischen mehr als 100 Schriftsteller, Regisseure, Journalisten, Übersetzer, Bibliothekare, Literaturwissenschaftler und Freunde der Literatur an.
Elke Hübner-Lipkau hatte vier Kolleginnen nach Rathenow mitgebracht, die gemeinsam mit ihren Gedichten, Essays und Liedern das Publikum einluden, sich gedanklich von Kopf bis Fuß auf Liebe einzustellen. Mit Werken aus ihrem Gedichtband „Tausendundzweite Nacht“ eröffnete die Schriftstellerin, Filmszenaristin und Hörspielautorin Christa Kozik den lyrischen Reigen. Kozik spielt mit dem Motiv der Scheherazade, jener Frau, die dem Sultan Abend für Abend Geschichten erzählt, ihm aber das Ende stets vorenthält, um so dem Tod zu entgehen.
Auch ein Gedicht für ihre Mutter gab Kozik zum Besten: „Sieben Lieben haben ihren heiteren Leib durchfahren. Sieben Mal gekreuzigt worden, sieben Mal wieder auferstanden. Ihre Schritte schreiben keine Reue in den Sand.“ Die Liebe im Alter, oft als zweiter Frühling bezeichnet, war ein Motiv, das sich durch fast alle Werke zog. „Jede Liebe hatte eine andere Farbe. Jede Liebe machte mich zu einer, die ich noch nicht kannte. Jede Liebe brachte neue Hoffnung, manche mich um den Verstand“, beschrieb Kozik ihre Erfahrungen.
Wie unterschiedliche politische Ansichten die große Liebe auf die Probe stellen können, davon erzählte die gebürtige Potsdamerin Cora Pech in ihrer Kurzprosa, die zum Teil auch mit erotischen Details gespickt war. „Frivoler Nachtgesang“, „Intermezzo“ und „Das bleibt“ waren Gedichte, die Elke Hübner-Lipkau ausgewählt hatte. In gereimten Versen erzählte sie von schönen Begegnungen am Strand und in der U-Bahn, von dem was bleibt, wenn der Liebste gegangen ist, sowie vom Anfang und Ende einer Liebe – mal romantisch, mal erotisch, mal traurig, mal beschwingt. Einblicke in einen ganz anderen Bereich der Liebe gab die Berlinerin Sonja Puras. Sie erzählte mit entwaffnender Ehrlichkeit, wie eine junge Mutter sich fühlt, in deren Leben Babybrei und Windeln an erster Stelle stehen und Erotik zum Fremdwort wird. Wie schwierig es ist, trotz des Nachwuchses noch ein Paar zu sein, ja überhaupt Frau zu sein, schilderte Puras mit einer gelungenen Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit: „Wie soll ich jemanden begehren, mit dem ich über nichts anderes rede, wenn überhaupt, als über das Kind.“ Sie beschrieb, wie sie in ihren Träumen fremde Männer begehrt, der reale Höhepunkt ihres Tages letztendlich aber doch darin besteht, dass ihre Tochter in ihrem Arm einschläft.
Kabarettistisch wurde es, als Ute Apitz mit ihrer Akustik-Gitarre die Bühne betrat. „Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich bei der Telekom verbracht, ein sehr unkreativer Beruf und deshalb bin ich irgendwann gegangen“, erklärte Apitz ihren Weg zur Lyrik und zum Gesang. Mit charmantem Berliner Dialekt, Galgenhumor und Tiefgang begeisterte sie die rund 40 Gäste. „Du latschst quer durch meine Seele“, sang Apitz und ließ die Zuhörer mit ihren Liedern an wundervollen Alltagsgeschichten teilhaben.
(Von Christin Schmidt)
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Potsdamer Neueste Nachrichten, MONTAG, 19. JULI 2010
Zu viel Marschmusik
Erhard Scherner las „Ein schlesisches Kapitel"
„Die Julihitze heute ist nicht zu ertragen", rezitierte Erhard Scherner gleich zu Beginn seiner Lesung am Freitagabend passend den berühmten chinesischen Dichter Du Fu. Und auch sonst wies einiges darauf hin, dass der promovierte Germanist und Übersetzer aus dem Chinesischen, der selbst einige Jahre im Reich der Mitte lebte, neue Geschichten vom Lao Wai - was im Chinesischen Fremder bedeutet - zum Besten geben würde.
Aber der 81-jährige Lyriker und Essayist, der schon lange Mitglied des Literatur-Kollegiums Brandenburg ist, las etwas ganz anderes. Einen autobiografisch geprägten Text, der ein Jahr im Leben des Jungen Konstantin beschreibt, der als Berliner Kind vom Spätherbst 1940 bis in den Sommer 1941 im oberschlesischen Krappitz (polnisch: Krapkowice) verbringt. Als „spilleriges blasses Großstadtkind" wird er zu Onkel und Tante geschickt, um nach Jahresfrist mehrere Kilos schwerer und um unzählige Erfahrungen reicher, wieder in die Reichshauptstadt zurückzukehren.
Der 11-Jährige beobachtet aus der „Froschperspektive" und mit wachem Intellekt das alltägliche Leben in der Kleinstadt und vor allem das seines Onkels Otto, der eine pommersche Beamtenseele und ein strammer Nazi war. Mit dem untrüglichen Gespür eines Kindes „weiß" er bereits am Tag des Kriegsbeginns gegen die Sowjetunion, allein wegen deren unfassbarer Größe, dass „der Krieg verloren ist". Scherner zeichnet mit wenigen Strichen aber viel Liebe zum Detail, einer Portion Ironie und flottem Lakonismus ein pralles Alltagsbild damaligen (kleinbürgerlichen) Lebens und Denkens. Besonders eindringlich waren Szenen wie der Sonntagsausflug ins Arbeitslager für Juden, der Besuch im örtlichen SA-Lokal oder die Zigaretten-Unterstützung für den Soldaten im Arrest.
Doch vor allem ist es auch die Geschichte einer Jungenfreundschaft. Konstantin trifft in Krappitz den gleichaltrigen Cousin Otto und beide verbindet eine lebenslange Zuneigung, obwohl sie sich nach diesem gemeinsam verbrachten Jahr erst viele Jahrzehnte später wieder treffen. Der Cousin, nach der Vertreibung aus Schlesien in den 50er Jahren von Nürnberg nach Kalifornien ausgewandert, bringt es auf den Punkt: „Zu viel Marschmusik", erklärt er, als er viele Jahre später nach dem Grund seiner Auswanderung gefragt wird. Scherner gelingt es, auf wenigen Seiten ein schwieriges Kapitel Geschichte ohne Verklärung aber doch mit Wehmut aufzuzeigen.
Einige der mehr als zwei Dutzend Zuhörer gaben sich im Anschluss an die unterhaltsame Lesung - der sehr agile Autor sang sogar - ebenfalls als „schlesische Lergen" zu erkennen. Der Begriff „Lerge" wird dem Schriftsteller Karl von Holtei zugeschrieben und wurde sowohl als Schimpf- als auch als Kosewort benutzt. Scherner erzählte anschließend, dass dieses „schlesische Kapitel" ein Teilstück eines größeren autobiografischen Textes werden könnte - wenn er denn die Kraft aufbringe, neben den geliebten Chinesisch-Übersetzungen die vielen biografischen Einzelstücke zusammenzubringen. ASTRID PRIEBS-TRÖGER
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Märkische Allgemeine vom 26.04.2010 / Lokalnachrichten
BIBLIOTHEK: Kampf mit dem Lachtränen
Gefeierte Bücherwürmer und Krimi-Lesung / Abschiedsparty bis in die Nacht


Christine Anlauff
POTSDAM / INNENSTADT - Was das Gerede von der angeblich so unbeliebten Bibliothek wert ist, konnte – wer wollte – am Freitagabend im Selbstversuch testen. Volle Bude den ganzen Tag, und auch, als gegen 21 Uhr das 1974 in der Bibliothek gegründete und somit beinahe hauseigene Kabarett „Die Bücherwürmer“ auftrat, drängelten sich die Menschen wie auf dem Jahrmarkt.
Der kabarettistische Programm-Titel „Endlich wieder Platz im Kopf“ bekam angesichts der bevorstehenden Räumung der Buchregale einen hübschen Doppelsinn, zumal dem Haus ja kein Mangel an DDR-Agitationsliteratur vorgeworfen werden kann. Die fantastische Stimmung und die quasi bühnenlose Publikumsnähe trieben die fünf Bücherwürmer zu einer viel beklatschten, besonders in darstellerischer Hinsicht beachtlichen Leistung. Einiges wirkte sogar deutlich spielerischer und lockerer, als am Premierenabend und so schien die Begeisterung der mit Lachtränen kämpfenden Zuhörer einhellig.
Kaum war dieses gelungene Spektakel vorüber, wechselte bis auf wenige Ausnahmen die eben noch so sitzfesten Herrschaften und machte Platz für die nicht minder zahlreichen Freunde des gepflegten Kriminalromans. Auch hier hatte der Veranstalter ein ausgesprochen glückliches Händchen, denn mit der 1971 geborenen Potsdamer Autorin Christine Anlauff ist ein auffällig phantasiebegabtes Schreibtalent gewachsen.
Ihr Krimi „Katzengold“ spielt in Anlauffs Kiez Potsdam-West und bietet nicht nur einen echten und deshalb sehr menschlichen Kater Serrano als Ermittler, sondern dazu einen sympathisch langsam kombinierenden Berliner Kommissar Liebermann, der sich bei seinem Aufenthalt in Potsdam schwer verliebt. Den orts- und menschenkundigen Serrano und den stets etwas hilflosen Kriminalisten verbindet ein Schicksalsschlag, als sowohl Serranos Schwarm, die Katze Aurelia, als auch Liebermanns Herzblatt verschwinden. Logisch, dass dieses Gespann aus hochintelligentem Potsdamer Kater und liebenswertem Berliner so einiges erlebt und auch der bedauerlicherweise in Kriminalromanen anfallenden Leichenproblematik gewachsen ist.
Anlauff las zudem diesen empfindsamen Kater- und Männer-Seelen angemessen einfühlsam. Ihr beständig von einem schwebend leichten Humor getragener Erzählstil verzaubert die Straßen und Plätze am Rande des Parks von Sanssouci in etwas sehr Kostbares, Einmaliges, und unabhängig vom kriminalistischen Geschehen wird klar, dass es sich wohl um den lebenswertesten, aufregendsten und eigentlich sogar bedeutsamsten Ort der Welt handeln muss. Diese Gewissheit aber schleicht auf so samtweichen Katzenpfoten heran, dass es nicht einmal die überzeugtesten New Yorker oder Pariser jemals merken werden und die Berliner schon gar nicht. (Von Lothar Krone)